Die Irakkrise aus psychologischer und interkultureller Sicht

In letzter Zeit wird man in Zeitungen, Zeitschriften und im Fernsehen ständig mit Artikeln bzw. Reportagen über die Irak-Krise konfrontiert. In diesen Artikeln und Reportagen bzw. Dokumentarfilmen handelt es sich um gründliche Analysen und wohlbegründete Meinungen über geopolitische, militärstrategische und wirtschaftliche Aspekte und Entwicklungen. Sind nun alle Themenbereiche in Bezug auf die Krise mit dem Irak behandelt? Nein! Einige wichtige Fragen stehen noch offen und deren Beantwortung ist von größter Wichtigkeit, wenn man ein Gesamtbild der Irak-Problematik bekommen möchte. Es handelt sich um folgende Fragen:

  • Welche Rolle spielt die Psychologie im Umgang mit Konflikten?
  • Welchen Einfluss hat die Psychologie auf die Art und Weise, wie man (Konflikt)Verhandlungen führt?
  • Welche interkulturellen Phänomene haben zu einer Verschärfung des Konfliktes zwischen den USA und dem Irak geführt?

Dieser Artikel geht tiefer auf diese Fragen ein und zeigt anhand von Praxisbeispielen, welche Probleme, Konflikte entstehen und wie man diese am besten analysieren und lösen kann.

1. Psychologische Einflussgrößen

1.1 Vier Grundtypen

Jedermann stellt sich mal die Fragen: Warum kann man Person A schneller und besser motivieren als Person B und warum lässt sich Kollege X schneller manipulieren als Kollege Z?

Beim genauen Hinsehen hängen die Antworten auf diese Fragen mit unterschiedlichen charakterlichen Eigenschaften der betreffenden Person zusammen. Psychologen verstehen unter Charakter die Summe der Einstellungen beim Menschen. Diese Einstellungen lassen sich auf zwei Eigenschaften zurückführen:

Aufgeschlossenheit: Man pflegt zwischenmenschliche Beziehungen.

Selbstbehauptung: Man will koste was es wolle seinen Willen durchsetzen.

Aus diesen zwei Eigenschaften leiten Psychologen verschiedene Charaktere her. Dabei unterscheidet man vier Grundtypen:

  1. den Visionär: den aufgeschlossenen Charakter
  2. den Denker: den analytischen Charakter
  3.  den Macher: den aktiven Charakter
  4.  den Helfer: den liebenswürdigen Charakter.

Selbstverständlich gibt es diese vier Grundtypen auch bei Politikern und Präsidenten:

  1. den Visionär: Michael Gorbatsjow, Nelson Mandela
  2. den Denker: Präsident Russland: Putin, Präsident Frankreich: Chirac
  3. den Macher: US-Präsidenten: Ronald Reagan, George W. Bush, Bundeskanzler H. Kohl
  4. den Helfer: US-Präsident: J. Carter.

1.2 Hauptmerkmale der vier Grundtypen

1.2.1 Der aufgeschlossene Charakter (der Visionär):

  • Fakten sind nicht so wichtig
  • Er hat Ideenreichtum
  • Er ist innovativ eingestellt
  • Er schafft und strahlt Vertrauen aus
  • Er ist ein freundlicher Mensch

Seine Schwäche: Ungenauigkeit
Seine Stärke: die Strategieentwicklung.

1.2.2 Der analytische Charakter (der Denker):

  • Er ist der Planer, der Organisator
  • Er hält Fakten, Daten für wichtig
  • Er hat eine rationale Denkart
  • Er wendet formalisierte Strukturen an
  • Er benutzt Instrumente bei klaren Zielsetzungen
  • Er ist ein objektiver, nüchterner Mensch

Seine Schwäche: Er ist ein Risikominimierer, nicht risikofreudig
Seine Stärke: Chancen erkennen, Problemanalyse.

1.2.3. Der aktive Charakter (der Macher):

  • Er ist ungeduldig, treibt Dinge voran
  • Er ist Workaholic
  • Er hat großen Tatendrang
  • Er sorgt für Dynamik, Unruhe
  • Er packt Probleme an
  • Er ist ein emotionaler Mensch

Seine Schwäche: kein strategisches Konzept
Seine Stärke: die Umsetzungsphase

1.2.4 Der liebenswürdige Charakter (der Helfer):

  • Er hasst Konflikte
  • Er stellt Fragen: Er will wissen, was und wie andere denken
  • Er ist der aktive Zuhörer
  • Er verhält sich empathisch
  • Er legt Wert auf Sicherheit
  • Er pflegt zwischenmenschliche Beziehungen
  • Er ist hilfreich und zuverlässig

Seine Schwäche: keine Ziele, hasst Veränderungen
Seine Stärke: Hilfsbereitschaft

1.3 Konflikte aufgrund unterschiedlicher Persönlichkeiten

Aufgrund ihrer unterschiedlichen charakterlichen Eigenschaften kommt es bei Verhandlungen zwischen Personen mit verschiedenartigen Charakteren zu Missverständnissen und Konflikten. Es ist also nicht verwunderlich, dass dies auch bei zwischenstaatlichen Konflikten der Fall ist. Ein Visionär wie Gorbatsjow denkt und handelt nun einmal anders als ein Macher wie George W. Bush. Oder ein Denker wie der französische Präsident Chirac wird am Verhandlungstisch ein anderes Verhalten aufweisen als der Helfertyp, der ehemalige US-Präsident Jimmy Carter. Wie sieht das nun in der Praxis aus? Welche Konflikte entstehen zwischen welchen Charaktertypen und wie kann man diese vermeiden?

1.4 Probleme im Umgang mit unterschiedlichen Persönlichkeiten

1.4.1 Der Visonär: Er mag Menschen und Erfolg. Er ist innovativ, Details langweilen ihn.

a. Visionär versus Macher:

Der Macher ist zeit- und aufgabenorientiert: fordert Geschäftssinn. Keine Zeitverschwendung mit Smalltalk.

b. Visionär versus Denker:

Der Denker schätzt das Detail und Beweise: Der Visionär muss sich, bevor er persönlich werden kann, das Vertrauen des Denkers erwerben, da dieser sonst verärgert reagieren könnte.

Die persönliche Beziehung ist nebensächlich.

c. Visionär versus Helfer:

Der Helfer mag Menschen und Beweise. Der Helfer reagiert negativ auf überschwenglisches Verhalten. Er braucht persönliche Bestätigung. Ist sehr unsicher.

1.4.2 Der Macher: aufgabenorientiert. Wenig menschen- und detailorientiert.

a. Macher versus Visionär:

Visionär mag Menschen und Erfolg: der Macher tut gut daran, eine gute persönliche Beziehung aufzubauen. Geschäftliche Belange sind zweitrangig. Der Macher kommt gut mit dem Visionär aus.

b. Macher versus Denker:

Der Denker legt wert auf Details und Beweise. Motto: Immer mit der Ruhe. Der Denker will Details, Ordnung und Kontrolle. Man soll den Denker nicht drängen.

c. Macher versus Helfer:

Der Helfer mag Menschen und Beweise: der Macher soll ausreichend Fakten und Beweise anführen. Nichts übereilen. Der Helfer entscheidet sich nur langsam.

1.4.3 Der Denker: beharrlich und zuverlässig.

a. Denker versus Visionär:

Der Visionär mag Menschen und Erfolg. Der Denker mag die allzu große Freundlichkeit des Visionärs nicht. Der Denker soll die Fakten, die er präsentiert, auf ein Minimum beschränken. Der Denker soll versuchen, dem Visionär mit menschlicher Wärme zu begegnen.

b. Denker versus Macher:

Der Macher ist zeit- und aufgabenorientiert. Der Denker soll ihm mit Selbstvertrauen entgegentreten. Der Denker soll keine Zeit mit unwichtigen Details verschwenden.

c. Denker versus Helfer:

Der Helfer mag Menschen und Beweise: Der Denker soll die Beweise hervorheben. Der Denker soll den Helfer bestätigen.

1.4.4 Der Helfer: freundlich, unsicher

a. Helfer versus Visionär:

Der Visionär mag Menschen und Erfolg: Ihn interessiert nur das Wichtigste. Der Visionär soll die Fakten auf ein Minimum reduzieren und mit innovativen Ideen aufwarten.

b. Helfer versus Macher:

Der Macher ist zeit- und aufgabenorientiert: Man soll ihn nicht mit Fakten überschütten. Nur das Wichtigste zählt.

c. Helfer versus Denker:

Der Denker mag Details und Beweise. Motto: Nichts überstürzen, der Denker braucht Zeit zum Überlegen. Der Helfer soll den Denker nicht drängen.

1.5 Die vier Haupttypen und ihr Verhalten bei Verhandlungen

Der Visionär Der Denker Der Macher Der Helfer
Denken wer was wie warum
Verhalten personen-bezogen Systematisches Vorgehen prüft Vorteile braucht Unter-stützung
Stärken überzeugend Strategie-entwicklung gute Vor-bereitung Problem-analyse Dominanz die Umsetz-ungsphase aktiver Zuhörer
Schwächen Ungenauigkeit Risi prüft Vorteile kominimierer kein Konzept unsicher in schwierigen Verhältnissen
Keine Einigung streut dem Partner Sand in die Augen logisches Denken bilanzierendes Denken denken in Gegensätzen Bestreitet Aussagen schweift ab

2. Verhandlungsstile

Genau betrachtet bewegt sich das übliche menschliche Verhalten in den Bereichen “kämpfen”, “nachgeben” und “fliehen”. Auf dem Gebiet der Verhandlungen gibt es eine bestimmte Art von Verhalten: das Verhandlungsverhalten. Im Rahmen dieses Verhandlungsverhaltens unterscheidet man folgende Verhandlungsstile:

  • Pushverhalten: moving away = “stoßen”, “schieben”.
  • Pullverhalten: moving with = “ziehen”.
  • Disengaging: moving away = “nicht mitmachen”.

2.1 Pushverhalten

Wie schon oben erwähnt, bedeutet pushing: stoßen. Im Bereich der Verhandlungen wird damit angedeutet, dass man jemanden gleichsam wegschiebt. Mit anderen Worten: Man betrachtet seinen Verhandlungsgegenüber nicht als Partner, als jemanden, mit dem man zusammenarbeitet um Übereinstimmungen, Ergebnisse und/oder Ziele zu erreichen, sondern als Verhandlungsgegner. Merkmale des Pushverhaltens:

  • Man macht Vorschläge und Gegenvorschläge, um die Aufmerksamkeit des Verhandlungsgegners aufsichzuziehen.
  • Diese Vorschläge, bzw. Gegenvorschläge, basieren auf Fakten.
  • Man versucht, den Verhandlungsgegner dazu zu bewegen, dass er die Vorschläge, bzw. Gegenvorschläge, akzeptiert. Gerade, weil diese auf Fakten basieren und darum auch auf logisches Denken zurückzuführen sind.
  • Derjenige, der solche Vorschläge, Gegenvorschläge macht, soll und muss über ausgezeichnete Sachkenntnisse verfügen.
  • Folge: Man wird von dem Verhandlungsgegner als Sachverständiger betrachtet.
  • Das steigert die Glaubwürdigkeit desjenigen, der die Vorschläge, bzw. Gegenvorschläge macht.
  • Die Expertise bringt dem Sachverständigen Macht.
  • Dadurch kann der Sachverständige seinen Willen durchsetzen, seine Interessen wahren.

2.2 Die Wirkung des Pushverhaltens

Das Pushverhalten hat seine größte Wirkung:

  • Wenn für ein Problem vor allem eine schnelle Lösung erforderlich ist und keine Zeit für ausführliche Auseinandersetzungen vorhanden ist.
  • Wenn man über ausreichende Macht verfügt, um seinen eigenen Willen dem Verhandlungsgegner aufzudrängen und um Einverständnis zu erzwingen.
  • Wenn die zwischenmenschliche Beziehung nicht so wichtig ist und es sich eigentlich nur um das Ergebnis handelt.

2.3 Pullverhalten

Dieses Verhandlungsverhalten bezeichnet man als „pulling“, weil man den Verhandlungsgegenüber „an sich heranziehen“ möchte. Man betrachtet in diesem Fall den Verhandlungsgegenüber nicht als Verhandlungsgegner, sondern als Verhandlungspartner. Man will mit dem Verhandlungspartner zusammenarbeiten, um Ziele, Ergebnisse zu realisieren. Diese Kooperationsbereitschaft ist meistens auf die Tatsache zurückzuführen, dass die Verhandlungspartner gemeinsame Interessen haben. Kennzeichen des Pullverhaltens:

  • Man stellt viele Fragen: Man will Missverständnisse vermeiden.
  • Man prüft mehr, ob alle Beteiligten auch alles verstanden haben.
  • Man fasst öfters zusammen: Vermeidung von Missverständnissen.
  • Man ist aufgeschlossen: Man erteilt mehr Auskünfte über seine Gefühle und Gedanken.
  • Kommunikation ist Zweibahnstraße.
  • Man verhält sich empathisch: Man versetzt sich in die Lage des Verhandlungspartners.
  • Vertrauen ist vorrangig. Vertrauen muss man aber verdienen und zwar dadurch, dass man dem Verhandlungspartner mehr über sich selbst mitteilt; das heißt über seine Beweggründe, Annahmen, Erwartungen usw.
  • Pullverhalten setzt Integrität, Aufgeschlossenheit, Kooperationsbereitschaft und Kompromissbereitschaft voraus.

Das Pullingverfahren

2.4 Disengaging

  • Bei schwierigen Verhandlungen kann man die Spannungen, den Stress einigermaßen beseitigen, indem man Humor und/oder konfliktbewältigende Techniken anwendet.
  • Jeder Mensch hat, was Spannungen usw. betrifft, einen bestimmten und unterschiedlichen Akzeptanzgrad.
  • Wenn es in einer bestimmten Situation oder Verhandlung zuviel Stress für einen Verhandlungsteilnehmer gibt, kann dieser nicht mehr richtig funktionieren und beteiligt er sich (vorläufig) nicht mehr an der Verhandlung: Disengaging.

2.5 Haupttypen und Verhandlungsstile – Beispiele aus der internationalen Politik

Frage ist nun: Wer von den vier oben erwähnten Haupttypen (Visionär, Denker, Macher und Helfer) wendet bei Verhandlungen welchen Verhandlungsstil an? Die Praxis zeigt einen deutlichen Unterschied zwischen Denker und Macher einerseits und Visionär und Helfer andererseits:

1. Der Denker und der Macher weisen oft Pushverhalten auf.

Der Denker, weil er auf Fakten, Daten, Rationalität, Objektivität großen Wert legt. Der Macher, weil er sich durch großen Tatendrang und eine dynamische Vorgehensweise kennzeichnet.

In der internationalen Politik sehen wir genau dasselbe:

a. Die Denker z.B Putin: (Tschetschenien) und Chirac (Irak-Krise) betreiben kalkulierende Politik (rationales Vorgehen). Ihre Argumentation stützt vor allem auf Fakten.

b. Die Macher z.B. Nixon (Vietnamkrieg), Reagan (Strategic Defense Initiative), George W. Bush (Irak-Krise: Rede George W. Bush für UN-Sicherheitsrat; National Security Plan) gehen von Fakten aus und untermauern ihre Argumente mit Problemlösungsvorschlägen (Probleme anpacken) und dynamisch-betonter Rhetorik.

2. Der Visionär und der Helfer wenden öfters die Verhandlungstechnik des Pulling an.

Der Visionär zeigt oft Pullverhalten, weil er Ideenreichtum und Vertrauen grossen Wert beimisst. Der Helfer bevorzugt Pullverhalten, weil er aktiv zuhört , gerne wissen will, wie andere denken und fühlen, er sich empathisch verhält und dadurch viele Fragen stellt.

Die internationale Politik zeigt dasselbe Bild:

a. Die Visionäre (Mandela und Gorbatsjow) führten eine Politik auf der Grundlage von Ideenreichtum und innovativem Denken. Mandela über George W. Bush: „One power, with a President who has no foresight and cannot think properly, is now wanting to plunge the world into a holocaust.” (foresight = Visionär!!).

b. Der Helfer J. Carter (Camp David Abkommen 17-09-1978 zwischen Israel und Ägypten) bewies durch seine erfolgreichen Bemühungen um ein Friedensabkommen zwischen Israel und Ägypten, dass er die hohe Kunst der Empathie sehr gut verstand und er dadurch ein ausgezeichneter aktiver Zuhörer war. Koffi Anann (heutiger Generalsekretär der Vereinten Nationen) weist in unseren Tagen in der Irak-Krise genau dasselbe Verhalten auf: verhält sich empathisch, hört den Beteiligten in der Krise um den Irak aufmerksam und aktiv zu und gelangt dadurch zu ausgewogenen Urteilen.

3. Das Konfliktmodell von Thomas Kilmann

Bekanntlich benehmen Menschen sich in ernsthaften Konflikten anders als in alltäglichen Situationen. Das ist auch der Fall in Verhandlungen. In Verhandlungen, bei denen es sich um nicht ernsthafte, keine friedensbedrohende Interessen handelt, verhalten sich Politiker anders als in Situationen, in denen von Kriegsgefahr die Rede ist. Der Amerikaner Thomas Kilmann hat Forschungen angestellt in Bezug auf das Verhalten von Menschen in Konfliktverhandlungen.

Aus diesen Forschungen wird ersichtlich, dass dabei zwei wichtige Einflussgrößen eine Rolle spielen: Kooperationsbereitschaft und Assertivität. Unter Kooperation versteht Kilmann die Art und Weise, inwieweit eine Person zur Zusammenarbeit mit anderen bereit ist. Unter Assertivität versteht er das Maß an Selbstbewusstheit und Selbstsicherheit eines Individuums. Das Konfliktmodell von Kilmann lässt sich nur in einer schwarz-weiß-Situation erklären: Es handelt sich dabei einerseits um eine Person, die entweder sehr assertiv oder überhaupt nicht assertiv ist und andererseits um eine Person, die zur Kooperation bereit ist oder überhaupt nicht zusammenarbeiten will. Daraus kann man folgende Graphik ableiten:

3.1 Unterschiedliche Charaktere

1. Kampfverhalten (Macher)
Diese Person ist assertiv eingestellt. Er hat wenig oder kein Gespür für Zusammenarbeit und weist ein starkes Kampfverhalten auf. Er will koste was es wolle seinen Willen durchsetzen und scheut sich nicht, Machtspiele zu betreiben, Manipulationstechniken anzuwenden.

2. Kooperation (Helfer)
Eine kooperativ eingestellte Person ist eine selbstsichere Person, die gerne mit seinem Verhandlungsgegner zusammenarbeitet. Er ist danach bestrebt, ein gutes Verhandlungsklima zu schaffen und pflegt zwischenmenschliche Beziehungen. Nachteil kann sein, dass derartige Verhandlungen sehr lange dauern und/oder dass man zu viele Konzessionen macht. Alles aufs Spiel setzen, um ein beabsichtigtes Ergebnis zu erzielen kann sehr viel Zeit in Anspruch nehmen und letztendlich zu einer schwächeren Verhandlungsposition führen. Diese Personen sind sehr dazu geeignet, Verhandlungen mit Menschen aus Fremdkulturen zu führen.

Verschlossenheit (Denker)
Im Gegensatz zu obenerwähnten Typen ist dieser Unterhändler nicht assertiv, nicht oder kaum dazu bereit, zusammenzuarbeiten. Er weist keine Aufgeschlossenheit auf. Verhandlungen ziehen sich in die Länge. Gerade diese Person ist nicht dazu geeignet, im internationalen Kontext zu verhandeln. Nur, wenn man schon von vornherein die Absicht hat, die betreffende Verhandlung zu verzögern, kann diese Person eingeschaltet werden. Man sieht diese Person oft bei zwischenstaatlichen Verhandlungen (z.B. Staatshandelsorganisationen usw.)

Kompromiß (Visionär)
Dieser Unterhändler ist eine Person, die nicht ein so hohes Maß an Selbstsicherheit aufweist, dagegen aber zur Zusammenarbeit bereit ist: „stille Wasser sind tief“. Er ist zuverlässig. Er achtet auf ein positives Verhandlungsklima. Er ist mehr dazu geeignet, um mit Menschen aus Fremdkulturen zu verhandeln, als mit Menschen aus den industrialisierten Staaten des Westens.

Kompromißsuchend (Visionär-Helfer)
Eine kompromisssuchende Person „steht in der Mitte“: ist ziemlich selbstsicher, ist zur Zusammenarbeit bereit, aber geht dabei behutsam vor. Er ist immer dazu bereit, in einer Konfliktsituation zu einer Lösung zu gelangen. Er ist ein geborener Unterhändler: Aus dem Kompromiss heraus sucht man oft nach bestimmten Vorteilen. Denn reine Kompromisse haben die Gefahr, dass man zu viele und/oder zu schnell Konzessionen macht. Diese Person ist zu Verhandlungen mit Menschen aus allerhand Kulturen geeignet, weil er seinen Spielraum sehr gut einschätzt und außerdem die Positionen, Standpunkte und die Interessen seiner Verhandlungsgegner sehr gut kennt.

3.2 Die vier Haupttypen und das Konfliktmodell von Thomas Kilmann

Bezogen auf die vier Haupttypen Macher, Denker, Visionär und Helfer kann man nun das Konfliktmodell von Th. Kilmann gestalten. Die Frage kann nun beantworten werden, ob und inwieweit dieses Konfliktmodell in der Praxis der internationalen Politik, das heißt im Rahmen von Konfliktverhandlungen, auch wirkt. Die Antwort auf diese Frage lautet “Ja“.

3.3 Kombination von Charakteren

Selbstverständlich lässt sich ein Mensch nicht in Umschreibungen, wie reines Kampfverhalten oder reine Verschlossenheit, charakterisieren. Menschen sind genau betrachtet eine Kombination verschiedener Verhaltensformen. Und in diesen Kombinationen spielen bestimmte Charaktereigenschaften eine wichtigere Rolle als andere. Die Praxis zeigt zum Beispiel, dass Menschen aus einem industrialisierten, individualistischen Umfeld vor allem die Kombination „Kompromiss“/“Kampfverhalten“ aufweisen und dass Unterhändler aus dem asiatischen Raum sich hauptsächlich durch die Kombination „Kompromiss“/“Kompromiss-suchend“ kennzeichnen. Mit anderen Worten: Den idealen global operierenden Unterhändler gibt es nicht. Im Gegenteil: Man muss bei erfolgreichen internationalen Verhandlungen immer den kulturellen Hintergrund seines Verhandlungsgegenübers berücksichtigen. Das ist auch in der internationalen Politik der Fall. Brennende Frage ist: Ist der Konflikt um den Irak teilweise auf Missverständnisse zurückzuführen, die durch völlig oder teilweise fehlende interkulturelle Kompetenz der Beteiligten entstanden sind? Werfen wir einen Blick in den Bereich des Interkulturellen!

4. Interkulturelles

4.1 Kulturelle Dimensionen

Genau betrachtet gibt es zwischen dem Irak und den USA (und somit auch der westlichen Welt) wesentliche interkulturelle Unterschiede. In diesem Zusammenhang muss auf die kulturellen Dimensionen hingewiesen werden, die Prof. Dr. G. Hofstede („Interkulturelle Zusammenarbeit“ Wiesbaden 1993) aufgrund seiner ausführlichen globalen Forschungen festgestellt hat:

  • Machtdistanz
  • Unsicherheitsvermeidung
  • Feminität versus Maskulinität
  • Kollektivismus versus Individualismus

4.1.1 Machtdistanz

Definition: Machtdistanz bezeichnet das Ausmaß, bis zu welchem die weniger mächtigen Mitglieder von Institutionen bzw. Organisationen eines Landes erwarten und akzeptieren, dass Macht ungleich verteilt ist.

Hauptunterschiede zwischen Gesellschaften mit geringer und großer Machtdistanz

Geringe Machtdistanz Große Machtdistanz
Der Einsatz von Macht muss legitimiert sein und wird danach beurteilt, was gut und was böse ist. Macht geht vor Recht. Wer die Macht hat, ist legitimiert dazu und ist gut.
Regierung pluralistisch. Mehrheitswahlsystem. Regierung autokratisch oder oligarchisch. Man wird in die Regierung berufen
Fähigkeiten, Wohlstand und Macht gehören nicht unbedingt zusammen. Fähigkeiten, Wohlstand und Macht lassen sich nicht voneinander trennen.
Vorherrschende politische Ideologien betonen und praktizieren Machtteilung. Vorherrschende politische Ideologien betonen und praktizieren Machtkampf.

Machtdistanzindexwerte:
Arabische Länder: 80 von 100
USA: 40 von 100
Deutschland: 35 von 100

4.1.2 Unsicherheitsvermeidung

Definition: Unsicherheit ist der Grad, in dem die Mitglieder einer Kultur sich durch ungewisse oder unbekannte Situationen bedroht fühlen.

Hauptunterschiede zwischen Gesellschaften mit schwacher bzw. starker Unsicherheitsvermeidung:

Länder mit schwacher Unsicherheitsvermeidung Länder mit starker Unsicherheitsvermeidung
Wenige, allgemeine Gesetze und Regeln. Viele, exakte Gesetze und Regeln.
Können Regeln nicht eingehalten werden, so muss man sie ändern. Können Regeln nicht eingehalten werden, so sind wir sündig und müssen büßen.
Toleranz, Mäßigung. Konservatismus, Extremismus, Recht und Ordnung.
Tendenz zu Relativismus und Empirismus in Philosophie und Wissenschaft. Neigung zu großen Theorien in Philosophie und Wissenschaft.

Unsicherheitsvermeidungsindex:
Arabische Länder: 68 von 100
USA: 65 von 100
Deutschland: 46 von 100

4.1.3 Femininität versus Maskulinität

Definition Maskulinität:

Maskulinität kennzeichnet eine Gesellschaft, in der die Rollen der Geschlechter klar gegeneinander abgegrenzt sind: Männer haben bestimmt, hart und materiell orientiert zu sein, Frauen müssen bescheidener, sensibler sein und Wert auf Lebensqualität legen.

Definition Femininität:

Femininität kennzeichnet eine Gesellschaft, in der sich die Rollen der Geschlechter überschneiden: sowohl Frauen als Männer sollten bescheiden und feinfühlig sein und wert auf Lebensqualität legen.

Hauptunterschiede zwischen femininen und maskulinen Gesellschaften

Feminin Maskulin
Wohlfahrtsstaat ideal. Leistungsgesellschaft ideal.
Den Bedürftigen sollte geholfen werden Die Starken sollten unterstütz werden.
Internationale Konflikte sollten durch Verhandeln und Eingehen eines Kompromisses gelöst werden. Internationale Konflikte sollten durch Zeigen der eigenen Stärke oder Kämpfen gelöst werden.
Die großen Religionen betonen die Ergänzung der Geschlechter. Die großen Religionen betonen das männliche Vorrecht.

Maskulinitätsindexwerte:
Deutschland: 66 von 100
USA: 62 von 100
Arabische Länder: 53 von 100

Internationale Konflikte sollten durch Verhandeln und Eingehen eines Kompromisses gelöst werden.

4.1.4 Kollektivismus versus Individualismus

Definition Kollektivismus:

Kollektivismus beschreibt Gesellschaften, in denen der Mensch von Geburt an in starke, geschlossene Wir-Gruppen integriert ist, die ihn ein Leben lang schützen und dafür bedingungslose Loyalität verlangen.

Definition Individualismus:

Individualismus beschreibt Gesellschaften, in denen die Bindungen zwischen den Individuen locker sind: man erwartet von jedem, dass er für sich selbst und seine unmittelbare Familie sorgt.

Hauptunterschiede zwischen kollektivistischen und individualistischen Gesellschaften

Kollektivismus Individualismus
Dominierende Rolle des Staates im Wirtschaftssystem. Eingeschränkte Rolle des Staates im Wirtschaftssystem.
Wirtschaft gründet sich auf kollektive Interessen. Wirtschaft gründet sich auf individuelle Interessen.
Politische Macht wird von Interessengruppen ausgeübt. Politische Macht wird von Wählern ausgeübt.

Individualismusindexwerte

USA: 91 von 100
Deutschland: 67 von 100
Arabische Länder: 38 von 100

4.2 Entwicklungen kultureller Dimensionen und ihre Bedeutung als Einflussgrößen im Konflikt mit dem Irak

In diesem internationalen Vergleich im Rahmen kultureller Dimensionen fällt auf, dass es in den Bereichen Machtdistanz und Unsicherheitsvermeidung zwischen den USA und dem Irak die größten Unterschiede gibt. Machtdistanz: arabische Länder: 80; USA: 40. Unsicherheitsvermeidung: arabische Länder: 68; USA: 46.

Werden diese Unterschiede künftig kleiner oder größer? Anders gefragt: Werden die Möglichkeiten zur Entstehung von Konflikten künftig geringer oder nicht?

a. Machtdistanz

Im letzten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts haben wir einen sehr starken Aufwärtstrend in der Globalisierung gesehen (Mc Luhan: „Global Village“). Folge ist, dass kleine und sogar auch noch größere Länder immer weniger imstande sein werden, Entscheidungen maßgeschneidert für ihr Land treffen zu können. Wir alle werden in zunehmendem Maße von Entscheidungen abhängig, die auf internationaler Ebene getroffen werden (z.B. zunehmende Bedeutung der Europäischen Union, des Europaparlaments usw.).

Dies wird dazu führen, dass Machtdistanz weltweit gesehen zunehmen wird. Daneben kann man feststellen, dass dort, wo der Wohlstand zunimmt, Machtdistanz abnimmt. Und dass dort, wo die wirtschaftliche Entwicklung stagniert, Machtdistanz aufrechterhalten bleibt. Das bedeutet für den Irak, dass der Irak zunehmend mit internationalen politischen und wirtschaftlichen Verflechtungen konfrontiert werden wird und dass es, aus Gründen seiner (künftigen) Lebensfähigkeit, gezwungen werden wird, sich diesen Entwicklungen zu fügen. Wenn der Irak dazu bereit ist, wird er auch auf der internationalen Bühne eine wichtige Rolle spielen können.

b. Unsicherheitsvermeidung

Schon in der Vergangenheit haben wir gesehen, zu welchen Katastrophen eine stark entwickelte Unsicherheitsvermeidung führen konnte. Auffallend nun und besser gesagt angsterregend ist nun, dass es diese Tendenzen in der heutigen Zeit wieder in dem Irak gibt: die Kombination von Unsicherheitsvermeidung mit Maskulinität. Alle drei Achsenmächte des Zweiten Weltkrieges (Deutschland, Italien und Japan) waren durch starke Unsicherheitsvermeidung plus Maskulinität gekennzeichnet. Unter den Vorkriegsbedingungen konnten Tendenzen der Ethnozentrik, Aggressivität und dogmatische Tendenzen in diesen Ländern sich leichter durchsetzen als in Ländern mit anderen Kulturmustern. Das bedeutet, dass, so lange in dem Irak das hohe Maß an Unsicherheit kombiniert mit stark entwickelter Maskulinität und die damit verbundene Aggressivität (Krieg gegen den Iran und Kuwait) vorherrschen, Konfliktbewältigung durch die internationale Gemeinschaft unbedingt notwendig bleibt.

Und hier befindet der Irak sich in einem Spagat: Auf der einen Seite ist das Land gezwungen, sich durch zunehmende internationale Machtdistanz den internationalen wirtschaftlichen und politischen Verflechtungen zu fügen, um seine Existenz künftig zu sichern. Andererseits ist es immer wieder dazu geneigt und auch tatsächlich bereit, seine Ziele, aufgrund seiner stark entwickelten Kultur der Unsicherheitsvermeidung, kombiniert mit der kulturellen Dimension der Maskulinität und der damit einhergehenden Aggressivität ohne Rücksicht auf die internationale Verflechtungen durchzusetzen.

Aber auch die westliche Welt und insbesondere die USA befinden sich in einem Spagat: Sie führen aufgrund der (politischen und wirtschaftlichen) Machtdistanz eine Technik der Konfliktbewältigung durch, die basiert auf westliche Maßstäbe der Rationalität und damit ohne Rücksicht auf die arabische (irakische) Denkart und Kommunikationskultur. Andererseits werden sie von der internationalen Gemeinschaft gezwungen, ihre Konfliktbewältigungsstrategie mehr den arabischen (und internationalen) Interessen anzupassen.

Können der Irak und die USA aus dieser Sackgasse herauskommen?

Können Sie diesen Konflikt lösen? Wenn man einen Konflikt beseitigen will, muss man an erster Stelle dessen Ursachen kennen. Die Erfahrung nun hat gelehrt, dass im allgemeinen 85% (!!) der Konflikte durch fehlende oder mangelhafte Kommunikation entstehen. In diesem Fall ist die Lage sogar noch komplizierter: Es handelt sich hier nämlich um interkulturelle Kommunikation und interkulturelle Kompetenz.

4.3 Kommunikation

Wie schon oben gesagt, sind viele Konflikte auf fehlende oder mangelhafte Kommunikation zurückzuführen. Das hängt vor allem damit zusammen, dass in der Kommunikation zwischen Menschen Themen, Sachen und/oder Sachverhalte nicht immer eindeutig und unmissverständlich klar zum Ausdruck gebracht werden. Ein Vater z.B., der will, dass seine 16-jährige Tochter beim kalten Wetter ihren Mantel anzieht, sagt zu ihr: „Es ist kalt draußen!“ (ohne dabei das Wort „Mantel“ zu erwähnen). Die Tochter versteht die Aussage ihres Vaters so, dass sie ihre Stiefel anziehen soll. So passiert das auch in der internationalen Politik.

Beispiel: Die frühere Botschafterin der USA in Bagdad, April Glaspie, hat vor dem außenpolitischen Ausschuss des amerikanischen Senats ausgesagt, sie habe dem irakischen Präsidenten Saddam Hussein bei ihrem Treffen am 25. Juli 1990 gesagt, die USA würden ihre lebenswichtigen Interessen und die Souveränität der befreundeten Staaten am Persischen Golf verteidigen. Aber nach Irakischer Darstellung hatte die Botschafterin damals beteuert, die USA bezögen keine Position zum irakischen Streit mit Kuwait über strittige Gelder und Ölbohrrechte. Der Fehler der amerikanischen Diplomatie habe darin bestanden, nicht damit zu rechnen, dass Präsident Saddam Hussein tatsächlich in Kuwait einmarschieren werde.

Mit diesen Aussagen verteidigte sich Frau Glaspie gegen die Anschuldigung, sie habe Bagdad eine Nichteinmischung der USA zugesagt und damit zur Invasion Kuwaits am 2. August 1990 ermutigt. (Es gab also schon Missverständnisse in den USA selber!!!). Einem in Bagdad veröffentlichten Wortlaut ihres Treffens mit Saddam zufolge hatte sie erklärt, dass die USA „sich nicht in innerarabische Streitigkeiten einmischen.“ Ausserdem hatte der Irak nach dem Treffen Glaspie-Saddam eine Aktennotiz von ihrer Unterredung veröffentlicht. Danach soll die Botschafterin betont haben, ihre Regierung habe keine Meinung zum Streit mit Iraks Nachbarstaat Kuwait. Hier liegen Missverständnisse im eigenen Lager (USA) und in politischen Kreisen Iraks vor. Ursache: Es wurde nicht klar und unmissverständlich seitens der USA gesagt, dass man eine Besatzung Kuwaits durch den Irak nicht akzeptieren würde.

4.4 Interkulturelle Kommunikation

Bekanntlich handelt es sich in der Kommunikation zwischen dem Irak und den USA nicht um Kommunikation zwischen Menschen, die derselben Kultur angehören, sondern um Kommunikation zwischen Menschen aus Fremdkulturen: interkulturelle Kommunikation. Wie uns bereits der Alltag in den Gesellschaften, in denen wir leben, deutlich zeigt, weisen Kommunikationsvorgänge zwischen Menschen und Gruppen aus verschiedenen Kulturen immer problematische Aspekte auf. Etwas schematisch formuliert: Interkulturelle Missverständnisse entstehen, wenn die Angehörigen zweier verschiedener Kulturen die Kontakt- bzw. Interaktionssituationen, in die sie einbezogen sind, unterschiedlich, ja sogar widersprüchlich oder gegensätzlich interpretieren und dementsprechend handeln. Die Akteure stammen aus zwei untereinander fremden, historisch geprägten Erfahrungsräumen und besitzen während des gesamten Handlungsablaufs demzufolge keinen gemeinsamen „subjektiv gemeinten Sinn“, so dass sie mit zwei kaum vereinbarenden Entschlüs-selungsmechanismen operieren.

So entstehen interkulturelle Missverständnisse, Probleme: Wenn der eine sich unberechtigterweise geohrfeigt fühlt, während der andere gar nicht merkt, dass er eine Ohrfeige ausgeteilt hat! Der „Geohrfeigte“ wird sich natürlich revanchieren wollen, womit aus dem Missverständnis eine Problem, Konflikt wird. Anders gesagt: Wenn Menschen ohne Schwierigkeiten interkulturell kommunizieren wollen, so müssen sie sich mit der subjektiven Kultur ihrer Gegenüber bekannt machen. Sie müssen also wissen, wie die Gesprächspartner Erfahrung kategorisieren (einordnen), welche Assoziationen mit diesen Kategorien verknüpft und welche Normen, Rollen und Werte in der Kultur der Kommunikationspartner maßgebend sind.

Eine andere, etwas schwierige Frage ist allerdings, ob und inwieweit sich interkulturelle Missverständnisse abbauen lassen?

Hier kommen jedoch die Grenzen von Sprachphänomenen zum Ausdruck. Forschungen weisen nämlich darauf hin, dass die Quintessenz von Interaktionsprozessen darin besteht, die Rolle der jeweiligen Mithandelnden gedanklich zu übernehmen. In einem solchen Kontext stellt daher Sprache nur einen Teil dieses «kooperativen» Vorgangs dar. Mit anderen Worten: Sprachliche Kompetenzen reichen nicht aus, um interkulturelle Missverständnisse zu vermeiden. Es muss etwas mehr vorliegen; d.h. die Akteure müssen sich auch in die Rollen der anderen versetzen können, mit anderen Worten sich empathisch verhalten können. Im interkulturellen Milieu beinhaltet dies, dass die Betroffenen sich nicht nur in einer gemeinsamen Sprache verständigen, sondern auch, dass das jeweilige «Wissen» und «Wissen Können» der «Anderen» ihnen nicht fremdartig bleibt.

4.5 Interkulturelle Kommunikation und kulturelle Dimensionen

Bei den Indexwerten der verschiedenen kulturellen Dimensionen sehen wir, dass es bei den Dimensionen des Individualismus und Kollektivismus zwischen den USA und arabischen Ländern erhebliche Differenzen gibt: Indexwert Kollektivismus USA: 9 und arabische Länder: 62!! Es ist also nicht verwunderlich, dass es im Bereich der Kommunikation zwischen Menschen aus beiden Kulturen auch große Unterschiede gibt:

a. Kontext

Menschen in kollektivistischen Kulturen achten im Vergleich zu Menschen in individualistischen Kulturen eher auf den Kontext (Distanz zwischen den Körpern, Berühren, Augenkontakt, gefühlsbetonte Äusserungen usw. = Paralinguistik). Hier ist die Rede von High-Context Kommunikation: implizite Kommunikation.

b. Kontext versus Worte

In kollektivistischen Kulturen ist wie etwas gesagt wird wichtiger als was in Worten formuliert wird. Vieles wird demnach implizit angesprochen und gewertet. Kollektivisten drücken sich folglich nicht so klar, direkt und explizit aus, wie dies Individualisten zu tun pflegen, sondern geben besonders acht auf das Unausgesprochene. Kollektivisten gebrauchen eine wortreiche Kommunikation. Vgl. Rede des ehemaligen ägyptischen Präsidenten Anwar Sadat vor der israelischen Knesset in Jerusalem am 20. November 1977: „…Es gibt noch eine weitere Mauer. Diese Mauer ist eine psychologische Barriere zwischen uns. Eine Barriere des Verdachts, eine Barriere der Zurückweisung, eine Barriere der Furcht, der Täuschung, eine Barriere der Halluzination ohne jede Handlung, Tat oder Entscheidung. Eine Schranke der verzerrten und verstümmelten Interpretation jedes Ereignisses und jeder Stellungnahme. Und es ist diese psychologische Sperre, von der ich in offiziellen Äusserungen gesagt habe, sie stelle mehr als 70% des gesamten Problems dar. Durch meinen heutigen Besuch bei Ihnen möchte ich danach fragen, warum wir uns die Hände nicht voller Glauben und Ernsthaftigkeit reichen, so dass wir gemeinsam diese Schranke niederreissen können?“

In individualistischen Kulturen wird dem Was besondere Bedeutung zugemessen: Es gilt, sich möglichst klar, präzis und explizit auszudrücken. Klare Beweisführung und logischer Aufbau sind erwünscht; spezifisches Wissen, Glaubwürdigkeit und Intelligenz verdienen Wertschätzung. Objektivität des Gesprächs wird geachtet. Das Wort „Ich“ wird häufig gebraucht.

c. Inhalt

Kollektivisten kommen bei einem Gespräch nicht direkt auf den Punkt, man prüft zuerst die Stimmung des Gegenübers um allfällige Harmoniestörungen zu vermeiden. Dagegen stehen die Individualisten, die ohne große Umschweife auf den Punkt kommen und dabei in kollektivistischen Kulturen mit der Tür ins Haus fallen.

d. Struktur der Übermittlung

Kollektivisten betonen den Verlauf (was wurde gesagt/getan), die Individualisten hingegen streben Ziele an. Individualisten gebrauchen lineare Logik, Argumentations- und Beweisführung. Kollektivisten führen unlinear aus, wenden eine holistische Denkart an.

4.6 Wie kommuniziert man in den USA und in dem Irak?

USA: („was“)
Irak („wie“)
Man benutzt Humor

Man erzählt Witze

Man redet über Innovation

Ziele stehen im Vordergrund

Leistungen spielen große Rolle

‚Shoot first, ask questions later’

Lebhaftigkeit

Rhetorik

Beredtheit

Man pflegt zwischenmenschliche Beziehung

Laute Stimme

Wenn man die Unterschiede in der Kommunikation in bezug auf das „Was“ (USA) und das („Wie“) genau betrachtet, ist es nicht verwunderlich, dass es auch im kommunikativen Bereich zwischen dem Irak und den USA Ärger, Reibungen und Missverständnisse gegeben hat und noch gibt. Vgl. die Art und Weise, wie der amerikanische Außenminister die Beweise von Massenvernichtungswaffen im Irak in seiner Rede im UN-Sicherheitsrat erwähnte und mit Fotos auch zeigte. Das hätte ein arabischer Aussenminister nie in dieser Weise gemacht: Er hätte gerade in dem Gremium des Sicherheitsheitsrats der UNO nie öffentliche Kritik geübt! Und dadurch die Beziehung zu seinem Gegenüber nie so beeinträchtigt.

5. Schlussfolgerungen

  • In der Psychologie unterscheidet man in Bezug auf den menschlichen Charakter vier Grundtypen: der Macher, der Denker, der Visionär und der Helfer.
  • Psychologie spielt eine große Rolle im Umgang mit Konflikten: z.B. der Macher-Typ geht anders an ein Problem heran als ein Helfer-Typ. Und ein Visionär wird anders auf die Vorschläge eines Machers reagieren als ein Denker-Typ.
  • Psychologie beeinflusst die Art und Weise, wie man (Konflikt)verhandlungen führt: der Macher-Typ wird vor allem Pushverhalten (Rationalität, Objektivität, Fakten) aufweisen und ein Visionär wird den Verhandlungsstil des Pulling (Zuhören, Fragen stellen, Empathie) anwenden.
  • Es gibt vier kulturelle Dimensionen: Machtdistanz, Unsicherheitsvermeidung, Kollektivismus versus Individualismus und Maskulinität versus Femininität.
  • Die kulturellen Dimensionen machen deutlich, dass es zwischen dem Irak und den USA vor allem große Unterschiede gibt in den Dimensionen Machtdistanz und Unsicherheitsvermeidung: die Aussenpolitik des Irak lässt sich auf die Kombination Unsicherheitsvermeidung mit Maskulinität zurückführen.
  • In der Kommunikation zwischen dem Irak und den USA handelt es sich um interkulturelle Kommunikation. Interkulturelle Kommunikation wird von kulturellen Dimensionen beeinflusst: In kollektivistischen Gesellschaften (Irak) ist wie gesagt wird wichtiger als was gesagt wird (in individualistischen Gesellschaften wie den USA). Und Kollektivisten betonen mehr den Verlauf (was wurde gesagt, getan), Individualisten dagegen streben mehr Ziele an. Auf diese kulturellen Differenzen lassen sich zweifellos (viele) Missverständnisse zwischen den USA und dem Irak zurückführen.
  • Was die Denkart betrifft: Individualisten gebrauchen lineare Logik, Argumentations- und Beweisführung. Kollektivisten wenden eine holistische Denkart an. Auch in der Art und Weise, wie man an ein Problem herangeht, gibt es ohne Zweifel einen Kulturschock zwischen dem Irak und den USA.
  • Vielleicht liegt die größte Diskrepanz zwischen dem Irak und vielen anderen Ländern einerseits und den USA andererseits vor allem wohl darin, dass die USA wie Cowboys mit Pferd und Karren durch das empfindsame Netzwerk der internationalen Beziehungen gezogen sind. Grund: Die USA haben ein sehr stark entwickeltes missionäres Bedürfnis, der Welt ihr Geheimnis ihrer Erfolgsstory zu zeigen und zu erzählen. Sie wollen jeden davon überzeugen, dass ihre Meinungen richtig sind, sie wollen, dass jeder sie versteht.

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